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Der Untergang des Abendlandes

I

„Das Abendland geht unter.“
„Was, schon wieder?“
„Ja, die wilden Horden aus dem Osten, du weißt schon.“
„Ach so.“

II

Auch wenn so mancher das Gefühl haben mag, ein Thema wie den Untergang des Abendlandes könne man nur noch humoristisch behandeln, und man könne den Titel dieser Skizze als Prognose ohnehin nicht ernstnehmen, so bleibt doch festzuhalten: Wir Europäer leben in den Ruinen von etwas.

In den Ruinen von Weltmacht, in den Ruinen von Klassik und Avantgarde, in den Ruinen gleich mehrerer Hoffnungen. Ein Kontinent als Freiluftmuseum, to various degrees. Man hat das Postmoderne genannt, und auch die so genannte Moderne ist ja, parallel zu ihrer Interpretation als Ära des Fortschritts, immer schon auch als eine Zeit des Verfalls und des Verlusts aufgefasst worden. Vielleicht kann man rückblickend, gewisse Unschärfen in Kauf nehmend, Auschwitz als den ultimativen Bruch und Wendepunkt zwischen Moderne und Postmoderne verstehen. Freilich gibt es auch sehr viel Kontinuität über Auschwitz hinweg und durch Auschwitz hindurch.

Denn auch bezüglich des Untergangs gilt: Man kann, ist man auch schon untergangen, immer noch ein bisschen tiefer sinken, weiter untergehen gleichsam; zumindest solange man noch nicht nichts ist. Thilo Sarrazin, der mir ein recht sympathischer Mann zu sein scheint, hat nun ein Buch geschrieben, das schon im Titel von der Abschaffung Deutschlands kündet. Deutschland freilich steht und fällt mit Europa, und Europa steht und fällt mit Deutschland – das gilt in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht und findet derzeit seinen institutionellen Ausdruck in der Existenz der EU.

Es geht also um dieses merkwürdige Abendland, und seinen weiteren, womöglich endgültigen Untergang. Die angebliche oder auch tatsächliche Bedrohung durch wilde Horden aus dem Osten lässt sich – nicht nur Sarrazin zufolge – präzisieren als Bedrohung durch den Islam als politische Religion mit einer offenen Flanke zu terroristischem Fundamentalismus. Sein Einfluss nimmt zu mit dem Wachstum der muslimischen Minderheiten in sämtlichen wichtigen europäischen Ländern. Das Wachstum einer viel zitierten abgehängten Unterschicht, die sich zu einem signifikanten Teil überschneidet mit der Gruppe der muslimischen Einwanderer, wird von Sarrazin außerdem als besonderes Problem hervorgehoben. Der dritte Aspekt, zentral für jede Theorie der Dekadenz, ist der Verlust des Selbstbehauptungswillens, der, so wiederum nicht nur Sarrazin, in weiten Kreisen der autochthonen Bevölkerung des jüdisch-christlich-griechisch-römisch geprägten Europas, insbesondere im Milieu der gebildeten, liberalen Elite, zu beobachten sei. Weshalb wir auch kaum noch Kinder bekommen.

So kommt also dieser début de siècle im Gewand eines fin de siècle daher, und der Zeitgeist scheint auf der politischen Skala von links immer weiter nach rechts zu wandern, wenn auch in den Medien noch der linksliberale Konsens der Jahrtausendwende den Ton angibt. Die Ängste der Bevölkerung sind real. Die Angst – und die Angstlust – vor dem eigenen Untergang haben in Europa ja, wie bereits angedeutet, eine lange Tradition; das ist vermutlich in jeder hochstehenden Zivilisation so. Das Barbarische, das Wilde, ist, ebenso wie das Böse, immer nah; es lauert im Fremden wie im Eigenen.

Wir leben in den Ruinen von etwas. In Europa. Was aus den Ruinen wird, wissen wir nicht. Aber der Verdacht liegt nahe, dass der Weltgeist, um mit einem alten Europäer zu sprechen, weitergezogen ist. Gen Westen natürlich. Vielleicht setzt er gerade zur Pazifiküberquerung an.

III

Michel Houellebecq, den ich ebenfalls für einen recht sympathischen Mann halte, hat einen neuen Roman veröffentlicht: La carte et le territoire. Es geht darin unter anderem auch um die Transformation Europas in ein Freilichtmuseum für chinesische Touristen. Und es geht um das Sterbenlernen und Sterbenkönnen, sowohl auf individueller als auch auf kontinentaler Ebene. Die zentrale Stellung des Todes hinsichtlich unserer jeweiligen individuellen Existenz als Mensch ist trivial. Aber auch Kulturen sterben, verschwinden, gehen unter. Überdauern in rudimentärer Form vielleicht in einem Museum, in Ruinen, als touristisches Angebot auf dem Weltmarkt …

In Houellebecqs bis dato sanftestem Roman ist Europa als Europa gestorben, sanft entschlafen; und die Menschen leben und sterben ebenso sanft in den Ruinen der Moderne, ja selbst in denen der Postmoderne. Etwas ist vorbei, etwas ist nicht mehr, ist vorübergegangen. Wir haben uns abgeschafft. Es ist nicht so schlimm. Vielleicht können wir, als Individuen wie als Kontinent, von Houellebecqs Roman lernen, wie man lebt und stirbt, wenn man eigentlich schon gestorben ist. Ein sanftes Glück, ein sanfter Stil; und es wird nicht nötig sein, Europa gegen die wilden Horden aus dem Osten zu verteidigen – zumindest nicht in einem Maße, das den Frieden, den späten Frieden, der sich über unseren Kontinent senkt, großartig stören würde.

IV

Der Abfall, in den Sonnenuntergang gestellt.

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