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Empörungen, Diskurse, Vergewaltigungen. Anmerkungen zu Stéphane Hessels Bestseller

I

Da stehe ich also vor der Buchhandlung und sehe im Schaufenster Stéphane Hessels Broschüre „Empört euch!“, zweifellos einer der merkwürdigsten Bestseller der letzten Jahre. Ich habe natürlich den relativen Hype um diese sogenannte Streitschrift mitbekommen, einige Rezensionen gelesen, den Autor vielleicht irgendwann gegoogelt. Nun beschließe ich aber, vielleicht wegen irgendeines Tweets im Hinterkopf, diese Broschüre zu lesen und vielleicht darüber zu schreiben. Ich betrete die Buchhandlung, halte des alten Resistance-Kämpfers Empörung in Händen, empfinde deswegen einen Anflug von Scham der Buchhändlerin gegenüber … Denkt sie, auch ich wäre empört? Hält sie mich für einen Fan? Einen Humanisten? Ich bezahle.

II

Umfangreich ist die Broschüre wirklich nicht, die knapp zwanzig Seiten sind rasch konsumiert, und die Botschaft kommt an: Wir haben uns zu empören. Der Ungerechtigkeit wegen. ATTAC hat es ja immer schon gesagt. Stéphane Hessel ist ein sympathisch wirkender älterer Herr, zudem mit dem Prestige des Résistance-Kämpfers ausgestattet: Man würde sich ja irgendwie schon gerne empören, wenn er das von einem erwartet. Ihm zuliebe. Aber schwerer als die persönliche Zuneigung zu fremden älteren Männern wiegen natürlich die Argumente, die im Rahmen einer nüchternen Analyse zu bewerten und gegeneinander abzuwägen sind. Sollen wir uns also empören? Wenn ja, worüber? Und was ist das überhaupt: Empörung?

III

Monsieur Hessel ist empört: über „die internationale Diktatur der Finanzmärkte“ (S. 10), „die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum“ (S. 21), „die maßlose Konkurrenz aller gegen alle“ (S. 21) … Am meisten aber, so formuliert er selbst, über „die Verhältnisse in Palästina“ (S. 16). Sein Ziel ist gewaltloser Widerstand, in der Tradition von Gandhi und Martin Luther King. Dass der Nahostkonflikt ihn besonders beschäftigt, ist vielleicht symptomatisch, aber wohl auch historisch verständlich. Die, anhand der drei Zitate rasch skizzierte, Hesselsche Beschreibung einer Welt, die zur Empörung Anlass gibt, ist freilich ein in der linken, kapitalismuskritischen Literatur weitergereichtes Klischee, ja, man könnte sagen: ein literarischer Topos, um dessen analytische Kraft es nicht gerade bestens bestellt ist. Aufputschende Rhetorik, freilich gut geeignet zur Auslösung von Affekten wie Empörung und Zorn. Es stimmt wohl, dass die Steuerungsfunktion internationaler Märkte in manchen Fällen als eine Art Diktatur quasi-objektiver Kräfte erfahren wird, doch wer wüsste von einer sanfteren Diktatur zu berichten? Und jede mögliche Ordnung beruht zu einem gewissen Teil auf Zwang. Über die Gestaltung der konkreten Rahmenbedingungen für die viel gescholtenen internationalen Finanzmärkte ist eine sachliche, empirisch fundierte Diskussion zu führen. Aufrufe zu tendenziell immer unkontrollierter Empörung führen zu nichts. Wie wäre es stattdessen mit einem Aufruf zur Vernunft?

Die holzschnittartige Kritik an Massenkommunikationsmitteln und Massenkonsum nimmt im 21. Jahrhundert ja ohnehin niemand mehr ernst. Man könnte Stéphane Hessel, der freilich einer anderen Generation angehört, hier mit den Worten Bruno Latours entgegnen: „[Wir sind] inmitten der Wissenschaften geboren, wir haben nur Frieden und Wohlstand gekannt, und wir lieben – muß man es gestehen? – die Technik und die Konsumobjekte, auch wenn die Philosophen und die Moralisten der vorigen Generationen uns raten, sie zu verabscheuen.“ (Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen. S. 168) Wir sind nicht so entfremdet, wie manch linker Romantiker glauben mag. Wir sind glücklich. Im Kapitalismus. Und ja, wir konkurrieren gerne miteinander, unter fairen Rahmenbedingungen und auf eine oft auch spielerische Weise; denn das haben Menschen immer schon getan. Konkurrenz ist eine effiziente Weise der Kooperation.

Wer nur auf die Klischees starrt, die Hessel hier weiterreicht, und die er zur Grundlage seines Aufrufs zur Empörung macht, der wird nicht viel von unserer Welt erkennen. Und er wird diese Welt nicht lieben können. Er wird vielmehr – empört sein.

IV

Hessel entfaltet auf knappe und prägnante Weise das Panorama jener linksliberalen Klischeewelt, die anderswo komplexer oder diffuser dargestellt wird. Es ist die größte Stärke seines Textes, diesen gutmenschlichen Diskurs, der wesentlich aus einer Beschreibung der Welt, wie sie angeblich ist (siehe III), sowie einem daraus folgenden Aufruf, sich zu empören (Titel der Broschüre), besteht, in dermaßen komprimierter und klarer Form darzustellen, dass einem die Augen aufgehen. Hessel liefert uns gleichsam die Quintessenz aus jener langen Geschichte von linkem Humanismus, selbstgerechter Kritik und geiler Empörung, die immer skurrilere Formen annahm, je dominanter sie im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde. Er präsentiert uns, in etwas altmodischer und sehr gedrängter Darstellung, den moralischen Herrendiskurs des 20. sowie des beginnenden 21. Jahrhunderts, der freilich heute an Selbstverständlichkeit zu verlieren beginnt. Zentral für diesen Diskurs sind die hysterische Kapitalismuskritik, der europäische Selbsthass, welcher bisweilen zu einer Art negativem Eurozentrismus wird, sowie die Überzeugung, in einer, wie es ja auch bei Marx heißt, „verkehrten Welt“ zu leben. Der Glaube an diese Entfremdung ist zu überwinden. Wir sind glücklich. Im Kapitalismus. Der Erfolg von Hessels Broschüre ist sicher auch damit zu erklären, dass er diesen Herrendiskurs, der untrennbar mit dem Glauben an die Entfremdung verbunden ist, bündelt und, über seine Biographie, direkt mit dem historischen Widerstand gegen Hitler verbindet. Denn der Kampf gegen (reale und imaginäre) Nazis ist fundamental für den Diskurs des guten, kritischen, empörten Menschen unserer Zeit. Der moralische Herrendiskurs ist zu überwinden – nicht weil es keine Missstände in der Welt gäbe, sondern weil dieser Diskurs die Welt selbst, wie sie ist, als Missstand beschreibt. Innerhalb des linksliberalen Diskurses ist keine Affirmation möglich.

Wir aber wollen, auf einer fundamentalen Ebene, Ja sagen. Wir wollen uns nicht empören, weil wir die Hesselsche Empörung für einen eher schädlichen Affekt halten, der den Geist trübt und keinen Spaß macht. Wenn wir wollen, können wir uns für die Abschaffung dieses oder jenes Missstandes einsetzen, aber wir weigern uns, die Welt als einen Missstand zu sehen, und wir wollen uns ganz sicher nicht primär im Modus der Empörung mit ihr arrangieren. Denn wir sind glücklich. Im Kapitalismus.

V

Der moralische Herrendiskurs vergewaltigt unsere Seelen. Er zwingt uns zu fühlen, was wir nicht fühlen können: allgemeine Empörung. Insofern ist Hessels Aufruf auch anmaßend. Es ist nicht der Kapitalismus, der uns vergewaltigt, sondern das Fühlenmüssen, die uns aufgezwungene Attitüde der Dauerempörung, die internationale Diktatur der Moral … Stéphane Hessel, den ich wirklich für einen sympathischen Mann halte, wenn ich auch in vielem anderer Meinung bin, beschließt seinen Text mit der Formel: „Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“ (S. 21) Und Neues schaffen müssen wir. Vielleicht werden wir auch manchmal Widerstand leisten müssen. Aber, wie vielleicht durch diese Anmerkungen klarer geworden ist: Das Sich-Einfügen in den moralischen Herrendiskurs vermittels der stereotypen Figur des Widerstand-Leistens („… Haider, Schüssel an die Wand!“) führt eben nur dazu: zur Eingliederung. Vielleicht auch zu einem kleinen Unglück. Jedenfalls aber nicht dazu, dass wirklich Neues entstehen.

VI

Das Neue entsteht außerhalb der stereotypisierten Empörungen, der altbekannten Diskurse, der sanften Vergewaltigungen, wie sie in Hessels Aufruf zur Empörung sich verdichten. Das Neue entsteht außerhalb des moralischen Herrendiskurses.

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