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Requiem für ein Gefühl

Die Golden Arches glühen in der Dämmerung wie die Installation eines zeitgenössischen Künstlers. In Ägypten reinigt die Revolution das Land und macht es bereit für die Machtübernahme der Muslimbruderschaft. In klammen Händen halte ich einen Cheeseburger mit Bacon. Ich denke: Ich sehe der liberalen Welt beim Sterben zu. Es ist kalt, die Kälte kriecht, trotz Mantel, Schal und Haube, rasch in alle Ecken und Enden des Körpers. Es ist nichts mehr im Fernsehen. Die Menschen hasten an mir vorüber, einige tragen Hüte. Ein ausuferndes Sozialsystem schafft falsche Anreize. Ich übergebe diesen Körper dem Strömen der Masse; in die eine Richtung halt, weil es nicht die andere ist. Jänner ist der erbärmlichste Monat. Die Frauen unterscheiden sich in dieser Dämmerung, und weil es Winter ist, kaum von den Männern, aber sie haben doch andere Gesichter. Ihnen ist auch kalt, glaube ich. Wir haben unsere Muttersprache verlernt, ich höre uns nur noch englische Phrasen plappern, als wären wir made in USA. Diese von Anglizismen zerfressenen Visagen werden keinen Holocaust mehr planen. Dafür fehlen ihnen schon allein die intellektuellen Voraussetzungen. Dieses Bacon-Aroma ist hervorragend und beendet die Entfremdung im Spätkapitalismus. Was bleibt uns noch zu wünschen übrig? Ich lasse das Papier, in das der Burger verpackt war, achtlos zu Boden fallen. Diese Leute werden dafür bezahlt, so Sachen aufzuheben. Ich esse nur noch processed food, ich höre nur noch sound bites, ich sehe nichts mehr in den Gesichtern der Menschen. Wohin gehen wir? Ich wünsche mir einen Krieg, ich wünsche mir ein Kind, ich wünsche mir den sinnlosen Opfertod im Glauben an irgendein schwachsinniges Ideal.

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