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X ist das neue Y

Jede Gegenwart ist eine komplizierte Zeit, schon allein aufgrund ihres Gegenwärtigseins. Unsere Gegenwart ist vielleicht besonders kompliziert, weil wir so versessen darauf sind, Zukunft zu produzieren. Wir sind verliebt in das Neue, egal ob es um Ideen oder Mobiltelefone geht. Wir wollen die Veränderung, brauchen aber auch das Ritual, die Wiederholung. Also machen wir aus der Produktion des Neuen ein progressistisches Ritual. Auch das Proklamieren einer Postmoderne hat letztlich nicht viel daran geändert, dass wir vor allem neue Produkte, neue Ideen – und neue Collagen begehren. Da sich alles so schnell verändert, und wir mit jeder Veränderung, wohin sie auch führen mag, Schritt zu halten haben, müssen wir auch zu gewissen Redewendungen greifen, die zum Ausdruck bringen, wer wir sind. Und wo wir sind: Redewendungen, die unser Dabei- oder besser noch Vornewegsein zum Ausdruck bringen. Phrasen, die unser Up-to-date-Sein so lässig wie adäquat auf den Punkt bringen: „X ist das neue Y“.

Eine Analyse der sprachliche Struktur dieser Ersetzung von Y durch X erhellt auch die geistigen und sozialen Strukturen, von denen die Rede war: Es wird hier nämlich, erstens, eine totale Substitution vorgenommen: Wenn X das neue Y ist, dann existieren nicht etwa X und Y als relevante Entitäten nebeneinander, sondern dann hat Y aufgehört relevant zu sein. Es gibt eine Progression von Y zu X, wobei ersteres obsolet wird und der Vergangenheit anzugehören beginnt. Y kann freilich später – abgewandelt, kombiniert, ironisch zitiert … – wieder reaktiviert werden, aber vorerst ist es passé, over, so last month. Je schneller diese Progression, als eine Reihe von Substitutionen, abläuft, umso besser. Sonst langweilen wir uns. Sonst sind wir nicht dabei, wenn etwas geschieht. Sonst geschieht nichts.

Zweitens verweist aber schon das starre Schema dieser lustvoll wiederholten, mit immer neuem Inhalt gefüllten Phrase „X ist das neue Y“ darauf, dass es hier ein Moment der Wiederholung gibt, und dass hier eigentlich Nichtigkeiten aufeinander folgen – innerhalb eines Paradigmas, das unangetastet bleibt: Es gibt immer ein neues X, welches für ein Y substituiert wird, und zwar nach denselben Regeln. Es muss immer ein neues X geben, von welchem vorerst nur bekannt ist: Es wird neu sein! Und so wie die Phrase „X ist das neue Y“ wieder und wieder, oft mit desperater Ironie, von zeitgeistigen Mündern tropft, so kommen und gehen, wie Ebbe und Flut, unser Begehren, unsere Hoffnung – und unsere Frustration mit dem Neuen. So wiederholt sich das progressistische Ritual, innerhalb dessen wir sind, wer oder was wir sind … Also langweilen wir uns. Also sind wir nicht dabei; es geschieht nichts. Und was sollte auch geschehen?

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