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Notiz über Gesichtslosigkeit

Zum Beispiel auf der Homepage der österreichischen Piratenpartei stehen sie, mit den Guy-Fawkes-Masken, und protestieren, eine Sarg-Attrappe und Pappschilder in den Händen. Sie sind ein anonymes Kollektiv, sie zeigen ihre Gesichter nicht. Warum? Vielleicht u.a. deshalb, weil das unverwechselbare Gesicht, Ausdruck von Persönlichkeit, suspekt geworden ist in Zeiten seiner perfektionierten medialen Ausschlachtung und andauernden Präsenz als eine Art Köder und Produkt politischer Marketingtechniken. Weil das Gesicht, das Authentizität suggeriert, nur allzu oft als Maske erscheint. Weil Authentizität als Schwindel, vielleicht als der ultimative Schwindel, erfahren wird.

In den Hochglanzgesichtern der Medien, die dieser oder jener Politik ein Antlitz geben, finden diese Individuen, die maskiert protestieren, sich also nicht wieder. Sie negieren, indem sie ihr Gesicht verbergen, aber mehr als nur eine bestimmte Art und Weise, das menschliche Gesicht zu zelebrieren. Sie negieren, sie attackieren – durch ihre Maskierung und betonte Gesichtslosigkeit, mit ihren ach so basisdemokratischen Strukturen, ihrer prinzipiellen Herangehensweise an Fragen des Urheberrechts … – tendenziell auf umfassende und prinzipielle Weise das Ideal der autonomen Person, des authentischen Einzelnen, ja sie wenden sich überhaupt gegen eine bestimmte Art und Weise, Subjektivität zu denken und zu leben. In diesem Sinne scheint die Piratenpartei, zumindest ihrer Tendenz nach, wirklich eine ‚poststrukturalistische‘ oder ‚postmoderne‘ Partei zu sein; ja, man könnte sagen, ihrem intellektuellen Kern nach, sofern sie einen solchen aufweist, ist die Piratenpartei die organisatorische Verkörperung eines vulgären Internet-Poststrukturalismus.

Die offensiv bejahte Gesichtslosigkeit, die freilich Exzesse der Selbstdarstellung nicht ausschließt, ist paradox u.a. in folgender Hinsicht: Sie verweist, erstens, auf die – utopistisch gefärbte und als ‚progressiv‘ verstandene – bereitwillige Assimilierung des Menschlichen an die vom Menschen geschaffene Technik. Der Mensch, der ein Gesicht hat, wird in Analogie zu technischen Systemen gedacht, welche keines haben. Oder, vielleicht besser gesagt: Technische Systeme, wie beispielsweise das Internet, sowie der Mensch in seiner individuellen wie sozialen Dimension, werden beide von einem verallgemeinerten Strukturbegriff her analysiert, und zwar so, dass sich notwendig eine Assimilierung des Menschlichen an das Nicht-Menschliche ergibt: Ende von Subjekt, Person, Authentizität.

Diese Gesichtslosigkeit verweist aber, zweitens, auch auf ein humanistisches, emotional aufgeladenes ‚Allgemein-Menschliches‘, auf einen emphatischen Begriff von Menschheit. Die Masken werden getragen, um in etwa diesen Gedanken zum Ausdruck zu bringen: Es geht nicht um mich, um meine Person, meine Eigenheiten und Interessen, sondern um das, was uns allen gemeinsam ist – es geht um unser Menschsein und die Interessen von uns allen, sofern wir Menschen sind. Das Pathos der Menschenrechte … Was die offensiv vertretene Gesichtslosigkeit also repräsentiert, das sind eigentlich sehr verschiedene, ja widersprüchliche Ideen. Das Paradox der piratischen Gesichtslosigkeit ist somit dieses: Die Guy-Fawkes-Maske steht einerseits für die humanistische Betonung des genuin ‚Menschlichen‘, unsere geteilte ‚Menschlichkeit‘, andererseits jedoch für die Assimilierung des Menschen an die Technik. Was beide Interpretationen der Gesichtslosigkeit zusammenhält, das ist ihre Opposition gegen das ‚bürgerliche Subjekt‘ der klassischen Moderne, das in seinem Gesicht, in seinem Blick, in seinen Augen noch eine – individuelle – Seele gespiegelt sah. Geeint durch diese Ablehnung des ‚bürgerlichen Subjekts‘ oszillieren Diskurs und Praxis der Gesichtslosigkeit stets zwischen den beiden Polen einer eher biederen Betonung des ‚Allgemein-Menschlichen‘ sowie der avantgardistisch-‚transhumanistischen‘ Verehrung der modernen Technik.

Die aggressive Gesichtslosigkeit, ob eher technologieutopistisch oder primär menschheitsideologisch interpretiert, richtet sich mithin – dies sei abschließend festgehalten – stets gegen eine bestimmte ‚abendländische‘ Figur von Subjektivität, darüber hinaus aber, so würde ich behaupten, auch gegen den Einzelnen überhaupt, auch da, wo sie ihm dieses oder jenes verspricht. Denn die Gesichtslosigkeit ist das Gesicht der Masse, und die Masse ist vieles, aber wohl kaum der Freund des Einzelnen.

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