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Kapitalismus

„Er stellte sich die Welt der Sprache (die Logosphäre) als einen riesigen, permanenten Konflikt von Paranoias vor. Nur diejenigen Systeme (die Fiktionen, die Redeweisen) überleben, die erfinderisch genug sind, eine letzte Figur hervorzubringen, eine Figur, die den Gegner mit einer halb-wissenschaftlichen, halb-ethischen Vokabel kennzeichnet, eine Art Drehscheibe, die es gleichzeitig ermöglicht, den Feind festzustellen, zu erklären, zu verurteilen, zu bespucken, zu vereinnahmen, mit einem Wort: ihn zahlen zu lassen. Das gilt unter andrem für einige Vulgatae: für das marxistische Reden, bei dem jeder Einwand ein Klasseneinwand ist; für das psychoanalytische Reden, bei dem jede Verleugnung ein Geständnis ist; für das christliche Reden, bei dem jede Ablehnung eine Suche ist, usw. Er wunderte sich, daß die Sprache der kapitalistischen Macht auf den ersten Blick nicht eine solche Systemfigur enthält (außer in der allervulgärsten Weise, wenn die Gegner niemals etwas anderes als „Aufgehetzte“, „Ferngesteuerte“ usw. sind); da begriff er, daß der Druck der kapitalistischen Sprache (um so stärker) nicht paranoischer, systematischer, argumentativer, strukturierter Art ist: es ist eine unaufhaltsame Vergiftung, eine doxa, eine Art Unbewußtes: kurz die Ideologie schlechthin.“ (Roland Barthes: Die Lust am Text)

„Die Ideologie schlechthin“ ist dasjenige, dem wir nicht entkommen, mit anderen Worten: die Realität.

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