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1. Abschiedsbrief

Wer noch nie einen Abschiedsbrief geschrieben oder wenigstens in Gedanken formuliert hat, der spucke als erster auf mein Grab … Denn dies ist ein Abschiedsbrief. Ich denke, ich kann nicht ausreichend begründen, was ich tun werde … Ich denke, ich konnte noch nie etwas – ausreichend begründen. Doch freilich, freilich ist die Frage nach dem Warum angesichts der Tat, zu der ich schreite, nicht bloß ebenso sehr angebracht & berechtigt wie bezüglich anderer Entscheidungen, die wir im Leben, noch ganz im Leben treffen … Nein, es ist evident, dass diese Frage gerade hier mit besonderer Eindrücklichkeit sich stellt & gestellt werden wird von jenen, die meine Tat bedauern, also – um mich trauern werden.

Aber was kann ich sagen? Was konnte ich denn jemals sagen? Man lebt nicht, weil man theoretische Gründe dafür hätte. Man lebt, sofern man lebt, letztlich einfach nur deshalb, weil … Aus Gewohnheit, vielleicht. Das wäre das eine. Oder weil man einen Wert darin erkennt, im eigenen Leben – substantiviertes Verb. Also … In der verführerisch-trivialen, aber auch schlechthin wahren Sprache des Alltags: Es macht Spaß.

Ja, das Leben kann Spaß machen. Oder eben nicht. Und letzten, allerletzten Endes — enden alle Wege in schwarze Verwesung … Der Tod also: „Wenn es das Absolute, also Gott usw., nicht gibt, dann ist der Tod das Absolute. Leben, das nicht ewig ist, ist in gewisser Hinsicht gar nicht.“

Freilich: Warum schreibe ich – in gewisser Hinsicht? Es bleiben hier, wie überall, Fragen offen – weil das Leben, das, nichts & nichtig seiend, doch alles ist, was wir haben, was wir sind – weil dieses verfickte Leben doch das schlechthin Offene ist.

Vorausgesetzt, es ist notwendig, dass dieses Offene einmal sich schließt – wovon wir ja alle ausgehen & überzeugt sind — dies also vorausgesetzt, wähle ich hier & heute selbst den Zeitpunkt … Denn das Leben macht mir keinen Spaß. Es überwiegt das Negative, aus welchen Gründen auch immer: Schieb es auf die Umstände, Gene oder – auf jenes Ich, das es nicht gibt – schieb es auf mich, gib mir die Schuld. Ich kann sie tragen; denn bald bin ich ja nicht mehr. Oder sollte ich sagen: Bald bin ich — noch weniger?

Ich habe den Eindruck, dass, was ich tue, ein Scherz ist, ein böser Scherz vielleicht. In gewisser Hinsicht – fühlt sich diese Geste, diese Tat so richtig an — dem Leben adäquat, endlich. Naja … der Tod

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