Skip to content

Kopftuchmädchen

Marx-is-Muss-2015

Die (radikalen) Linken haben bekanntlich ihre Liebe zur Religion, also zum Islam entdeckt. Und ich habe Angst vor starken Frauen. Die Kopftücher tragen. Oder so.

Aber warum gestalten Linke ein Plakat so, dass man zuerst glaubt, es ginge nicht um eine marxistische, sondern um eine islamistische Widerstandsbewegung? Warum sind da vier Kopftuchmädchen? Und die Führerin …

1280px-Eugène_Delacroix_-_La_liberté_guidant_le_peuple

Die Führerin hat doch mal ganz anders ausgesehen …

Das Kopftuchmädchen verdankt seine zentrale Rolle wohl seinem multiplen Opferstatus (als Frau, als Muslimin …), aber auch der Tatsache, dass es — für uns, für mich — effektvoll Fremdheit repräsentiert. Ihm eignet ein gewisser Shock Value … Interessant an dem Kopftuchmädchen ist, wie gespalten, wie ambivalent es ist: Während La Liberté guidant le peuple eine einfache, starke & mitreißende Botschaft verkündet, nämlich sich selbst, die Freiheit, weiß man bei dem Kopftuchmädchen nicht so recht, was es will. Das Kopftuchmädchen rebelliert, das ist klar. Gegen Kapitalismus usw. usf., also den ganzen Unterdrückungs- & Verblendungszusammenhang.

Aber wofür steht es? Für den Islam? Das wäre eine einfache, starke & — naja, also eine einfache Botschaft. Aber wir haben es doch immer noch mit Marxisten zu tun, auch wenn diese Marxisten sich für Kopftuchmädchen einsetzen, von Kopftuchmädchen geführt werden (?), also in irgendeiner Form mit dem Islam(ismus) kooperieren. Es muss also doch auch um die Befreiung der Frau gehen usw. Das Kopftuch verweist ja auf Repression, konstituiert die Frau als Kopftuchmädchen & Objekt multipler Repression. Auf das Kopftuch kann nicht verzichtet werden, es ist für die Botschaft des Plakats essentiell … Soll es aber abgenommen werden? Anders formuliert: Will die muslimisch-marxistische Führerin ihr Kopftuch abnehmen, sich von dem Kopftuch emanzipieren?

Es sieht nicht danach aus. Sie trägt das Kopftuch eher stolz, wie eine Uniform, als politischer Soldat … Also affirmiert das Kopftuchmädchen im Akt der Rebellion die eigene Identität als Kopftuchmädchen bzw. stolze Muslima — gegen den westlichen Kapitalismus, Imperialismus etc.? Wahrscheinlich. Zumindest provisorisch. Die optische Verschmelzung von Marxismus & Islamismus verweist darauf, dass in diesem Kontext der Islam nicht kritisch thematisiert werden kann.

Sie rebelliert also nicht gegen das Kopftuch & was dieses doch auch symbolisiert — das Patriarchat & traditionelle Geschlechterrollen überhaupt (ob westlich oder islamisch oder …)? Mein Eindruck ist, dass sie jedenfalls mehr Antiwestlerin als Feministin ist. Der martialische Gestus überdeckt die relative Unklarheit dessen, wofür sie steht … Man könnte vielleicht sagen, das Kopftuchmädchen deute das Kopftuch um & erfinde sich im politischen Kampf neu als Subjekt, nicht mehr nur Objekt von Geschichte … Aber wo sind die muslimischen Männer? Wo wären sie in diesem Bild unterzubringen? Antwort: Gar nicht. Weshalb sie auch nicht zu sehen sind.

Man kann wohl sagen, dass dieses Plakat, das für den Kongress „Marx is Muss“ wirbt, eine kitschige islamo-marxistische Revolutionsphantasie darstellt, die Komplexität reduziert durch Kurzschluss der Figur der maximal unterdrückten Muslima mit dem Mythos des maximal unterdrückenden westlichen Kapitalismus. Ausgeklammert wird dabei u. a. die Rolle, die der Islam spielt … Die Kritik der Religion galt einmal als Voraussetzung aller Kritik. Heute ist eher die Kritik — hier ein Euphemismus! — an der eigenen Kultur, Wirtschaftsweise & -politik, kurz: die Kritik bzw. Verachtung des Eigenen die Voraussetzung für die Verehrung alles Fremden, das mit unsinnig-utopischen Hoffnungen befrachtet wird. Wie das Kopftuchmädchen, das für uns auf diesem Plakat Fremdheit repräsentiert.

Die — sehr unattraktive — Botschaft des Plakats lautet: Rebelliert! Rebelliert erst mal … Es geht gegen den westlichen Kapitalismus, die europäische Zivilisation etc. Der Islam hilft uns dabei. Und dann machen wir irgendwas mit Marxismus.

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *
*
*