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Gute Trolle, böse Trolle

Heutzutage macht man Erfahrungen auch im Internet. Die zeitgenössische Existenz wäre ohne jene Erfahrungen, die man nur im Internet machen kann, erfahrungsärmer & auch — weniger zeitgenössisch. Es gibt eine Reihe typischer Erfahrungen der Gegenwart, die man im Internet & nur im Internet machen kann; manche davon sind nicht sehr angenehm. Zu letzteren zählt auch die Begegnung mit Trollen.

Die Lust, andere Menschen oder überhaupt Lebewesen zu piesacken & zu quälen, ist eine von vielen Menschen nicht so gern zugegebene, aber doch weit verbreitete Lust & Eigenschaft des Homo sapiens. Freilich, es gibt Leute, die neigen kaum zum Sadismus, & es gibt andere … Es gibt verschiedene Typen von Menschen, & oft wollen wir gar nicht wahrhaben, in welchem Ausmaß wir uns voneinander unterscheiden, ja einander fremd sind & ewig bleiben müssen.

Ich vermute, jeder von uns kannte in seiner Kindheit einige Altersgenossen, die sich einen Spaß daraus machten, etwa ein Insekt oder auch größere Tiere zu quälen, in einer Art von grausamem Spiel, wie es mit der Maus ja auch die geliebte Hauskatze treibt. Die Grausamkeit, die unter Kindern oft vorherrscht, ist allgemein bekannt. Sie richtet sich natürlich auch gegen andere Kinder, besonders gegen Außenseiter, gegen solche Kinder also, die aus irgendwelchen Gründen anders sind, die auffallen & abweichen & durch eine gewisse Schwäche als ein geeignetes Objekt für diverse Späße & Quälereien sich geradezu aufzudrängen scheinen … So scheint es zumindest jenen, die sie aufs Korn nehmen. Ja, denjenigen, der anders ist & sich nicht oder zumindest nicht ausreichend wehren kann, zu quälen & zu verspotten, ihn entweder wirklich mit Finger oder Stock zu pieksen oder dies im übertragenen Sinn, also verbal zu tun, diese urtümliche Herangehensweise an den Anderen scheint tief in der menschlichen Natur verankert. Man könnte auch sagen: Kinder trollen einander. Kinder trollen einander eben. Kinder sind kleine Trolle … Wie tragisch oder komisch man all das findet, ist wohl eine Frage des Temperaments, der eigenen Empfindlichkeit, der eigenen Erfahrungen usw. usf.

Sind wir uns darüber einig, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die in mancherlei Hinsicht sich mehr & mehr infantilisiert? Egal, ich setze es voraus … Dann könnte man sagen, dass mit dem Online-Troll als Verkörperung kindlich-kindischer Grausamkeit in der Welt der Mehr-oder-weniger-Erwachsenen eine besondere Facette dieser allgemeinen Infantilisierung in zunehmendem Maße das Diskursklima & die gesellschaftliche Atmosphäre überhaupt prägt. Es handelt sich dabei um einen destruktiv-nihilistischen Einfluss, der sicherlich dazu beiträgt, den Empfindlicheren unter uns den offenen Austausch im Internet zu verleiden. Zumindest von einer bestimmten Art von Troll, von dem bösen Troll nämlich, muss man sagen, dass er so etwas wie pure Negativität verkörpert & aufs Haar jenem Kind gleicht, das andere Lebewesen quält, weil ihm nichts Besseres einfällt, oder Sandburgen zerstört, weil es Lust an der Zerstörung empfindet — just for fun.

Der böse Troll, der natürlich anonym operiert, stellt — so könnte ein Versuch der näheren Bestimmung beginnen — eine zeitgenössische pseudo-erwachsene Gestalt des Coolen dar, definiert über die Fähigkeit, alles an sich abgleiten zu lassen, nichts ernst nehmen zu müssen — woraus Quasi-Unverwundbarkeit in schützender Anonymität resultiert. Der böse Troll will aus einer Position angemaßter Unverwundbarkeit heraus andere Menschen verwunden, sie treffen & ihnen Schmerz zufügen. Häufig gelingt ihm das auch. Seine Anonymität besteht nicht nur darin, dass wir nicht wissen, wie er heißt, wer er ist usw., sondern auch in seiner Sprechweise: Aus dem bösen Troll spricht anonyme Masse, ein Brei aus Memes, Phrasen, lol … Ein Troll ist wie der andere, alle Trolle sind gleich. Ihr Ziel & Zweck? Das immer wieder exemplarisch zelebrierte Wehetun als Demonstration eigener Überlegenheit & Macht … Aus dem bösen Troll spricht der menschliche Wunsch, aus einer Position absoluter Sicherheit heraus selektiv Leid zufügen zu können. Oder auch die Maxime: Besser böse sein als gar nicht sein.

Wir machen also Erfahrungen im Internet … Wir machen Erfahrungen, wie Kinder sie auf einem Spielplatz machen. Die Welt ist ein Kindergarten. Und der böse Troll ist, um es mit einem Wort zu sagen: Abschaum. Er hat sicher Gründe für sein Tun, aber jeder Hund hat einen Grund … Ich habe allerdings die Kinder bis jetzt in einem zu negativen Licht geschildert, denn natürlich sind Kinder nicht nur Trolle, sondern auch — Engel. Unsere kleinen Engel! Und so, wie es nicht nur das böse Kind gibt, gibt es auch nicht nur den bösen Troll. Das gute, das fast engelsgleiche Kind stellt Fragen, erforscht die Welt, es bringt auch — in Maßen — Neues in die Welt. Es ist Neues in der Welt. Das gute Kind liebt, lebt & lacht. Das gute Kind bringt Freude in die Welt.

Auch der gute Troll stellt Fragen & erforscht die Welt im Modus der Provokation. Bekanntlich war Sokrates der erste Troll … Oder Diogenes? Es gibt gute Trolle, es gibt ein nützliches, ja ein notwendiges Trollen. Es gibt aber nicht viele gute Trolle.

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