Skip to content

Hauptbahnhof

Denn man kann das Leben doch nur lieben, liebt man auch das Chaos, den Verlust, das Böse … Der Mann hinter der Glasscheibe wird abgespeist von Burger King. Er zahlt noch dafür! Doch natürlich ist es gut, über den weiten Platz zu gehen und sich von Clowns belästigen zu lassen, die Kunststückchen für Kinder vorführen, und dieses ekelhafte Grinsen immer im Gesicht. Es ist schrecklich. Ich ziehe dem die Masken der NORMALMENSCHEN vor, die sich drängen zu den Bussen hin, um deportiert zu werden. Alles in der Stadt dreht sich — um das, worum sich Menschen, Menschenherzen, Menschenschmerzen eben drehen: … Man kann das Leben doch nicht lieben?

Der fette, abgearbeitete Mann hinter der Glasscheibe kaut an seinem Stück Fleisch mit eiskalter Logik, natürlich hat er den Whopper bestellt. Ich bestelle auch immer den Whopper, jeder Mann bestellt immer den Whopper. (Ich bestelle wirklich immer den Whopper.) Denn man kann das Leben doch nur lieben, liebt man auch das Chaos, den Verlust, das Böse … Und der Mann, er weidet ja nicht bloß an seinem Whopper sich, vielmehr ebenso an all dem, der ganzen Szenerie vor seinen Augen; er blickt durch die Glasscheibe auf den Platz vor dem Bahnhof, wo er mich sieht und viele andere, die wie ich sind, und Kinder. Auch Hunde werden an Leinen über den Platz geführt, vorbei an den immer schön leicht angetrunkenen Obdachlosen oder Nicht-Obdachlosen: verkommene Menschen, einerlei. Vorbei auch an den jungen Rucksacktouristen, die im Sommer sich quälen über den ganzen Kontinent — wie Verdurstende in der Stadtwüste, in diesem Sonnenmeer, diesem Sommer; doch sie tun es ja gern. Vorbei an diesen und anderen Menschen, Leuten, Personen, die auf den Holzbänken sitzen, der eine lässig ausgestreckt in der Sonne, der andere stocksteif, schwarzer Rollkoffer. Muss man das Leben nicht lieben?

Alles weidet sich an allem, und alles leidet an allem. Die Dinge, die Menschen existieren nach Art der Pingpongbälle: sie springen, und die Sprünge werden immer kürzer. Auch unsere Welt ist nur ein Pingpongball … Doch alles springt noch fleißig, und die Welt gewinnt womöglich gar an Speed, an Tödlichkeit und Präzision! Wie man sich doch alles, einfach alles schönreden und selbst die Grausamkeit noch stramm verehren, anbeten — oder anbetteln kann. Es ist wunderschön. Verfressen aber der Whopper Man, der von allem und allen, von uns, von mir persönlich kaputtgemachte, krank geredete Whopper Man, jetzt beim Nachschlag. Und die Cola wird geschlürft aus riesigen Bechern von sämtlichen Insassen der Filiale, und kassiert wird von Studenten oder verkümmerten Südostasiaten hinter der Kassa, und ach, die Preise sind etwas gestiegen! Die süßlich-kalte Cola verrinnt hinter den Zähnen in den Fleisch-und-Brot-Matsch, als welcher der Whopper stets aufs Neue sich entpuppt, wird er genossen. Dieser Prozess zaubert dem Mann vielleicht gerade ein Lächeln aufs Gesicht … Welches gleich wieder verfliegt. Ich denke: Er beherrscht sich also. Wie war das noch mal mit dem Leben, unserer unendlichen Liebe zum Life?

Denn man kann das Leben doch nur lieben, liebt man auch das Chaos, den Verlust, das Böse … Der Mann hinter der Glasscheibe wird abgespeist von Burger King. Er zahlt noch dafür! Doch natürlich ist es gut, über den weiten Platz zu gehen und …

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *
*
*