Skip to content

Der Bär

Growth Mindset

Alles, was wir erfassen,
ist schön: des Schrecklichen Anfang.
Weshalb wir es hassen
und lieben. Und nie ganz erfassen.

Ein Leben ist Gleiten
und Leiden, zwischen Trauma
und Alltag. Joggen und
Schreiten. Und aus ist der Traum.

Alles, was du kannst,
kann ein anderer besser,
auch leben. Hab keine Angst,
so ist es, das Leben.

[…]

Geh ins Puff, genieße
das Alberne, höchst Awkwarde:
Wer das genießen kann!

Wie das Begehren
die Menschheit shreddert.
Oh, die Liebe!

Wie jeder, jede
„Besseres verdient hätte“
als sich selbst.

Drosophila drowns

Die Übersüße hat sie hergeführt,
jedoch auch Angst, die anklingt
wie die ersten Töne eines Lieds.

Im Sturzflug pflügt sie Raum,
ihr rotes Auge schwillt, sie drängt
wie Melodie ins Zentrum einer Welt.

Hinter ihr ist all das, was sie greifen
und begreifen will, besser als sie sich begreift.
All das, was sie halten, haben will.

Es lockt die Frucht, es drängt die Furcht:
Im Zuckerwasser, mit den Artgenossen,
schwimmt Drosophila, she’s drowning.

Über die Natur

Heute sah ich zum ersten Mal eine Biene.
Sie war klein und präzise,
wie ein Uhrwerk. Und all die Bienen,
die ich gesehen hatte,
bevor ich diese sah, habe ich nicht
wirklich gesehen.

Wirklich? Ja, frag die Menschen,
die ich auch nicht sah.
Die bloß im Weg, wie Möbel, standen:
Diese Möbel aus so hellem Holz,
diese Möbel aus so hellem Schmerz.
(Ein ganzer Scheiß-IKEA-Katalog!)

Manchmal lief ich in ein Möbel.
Einmal schlug ich mir den Kopf
blutrot. Doch meistens wich ich aus.
Schlief auf dem nackten Boden,
wachte auf, vom Schmerz geweckt:
Am Fenster Sonne, Nikotin.

Heute sah ich zum ersten Mal eine Biene.
Ich hab mir das nicht ausgedacht — wozu?
Es ist geschehen — warum? Es ist geschehen.
Vielleicht ist mir selbst heute noch
die Biene nicht real genug. Hab ich zu schnell
geschrieben und zu kurz geschaut?

Sie war klein und präzise, wie ein Uhrwerk.
Und all die Bienen, all die Bienen
bilden einen Schwarm, der ist präzise
wie ein Uhrwerk und so groß, so groß —
wie das größte Problem, das du dir vorstellen
kannst: „Natur“.

Lebenslauf

Die Zeit ist zäher Honig
in der Hitze, bäh. Zerkauter Kaugummi.
„Mir ist so fad“, so fasst
das Kind die Existenz zusammen.

In der Leere wächst die Aggression,
denn „da ist einfach nichts.“
Das Bier fließt in den Körper,
und da ist eine ganze Welt.

Doch diese Welt ist eine Lüge,
und er findet nicht im Rausch,
was Rettung wäre: Arbeit, Liebe.
In ihnen ist die echte Welt.

Er läuft so lange in die falsche Richtung,
bis er nicht mehr laufen kann:
„Da besinnt sich das Kind,
kehret heim geschwind.“

[…]

Hyperreal
ist das Antlitz,
Schmerzkorrelat.

Punkti, Punkti,
Strich —
fertig ist das Mondgesicht.

Wer begreift? Die Enormität
möglichen, wirklichen
Leids.

Open Mind

Es kommt vor: Du sitzt da
und denkst nichts Böses.
Und plötzlich denkst du
ein Böses. Im Sommergarten.

Sind Bienen an den Blumen.
Invadiert ein Grauen jäh
Bewusstsein. Es stand offen.

[…]

Die Gedanken sind eine Meute Hunde,
die ziehen an der Leine.
Ein Strauß Blumen in dem Moment,
in dem der Griff sich löst.
Ein Gas, das den Raum, der da ist,
gleichmäßig füllt.

Fragmente

Er stand früh auf, aß sein Müsli, trank seinen Kaffee, saß dann im Bus und sah aus dem Fenster: unbekannte Menschen in bekannten Straßen. Der Bus nahm die Kurven wie ein Alkoholiker den ersten Schluck, aber es war ihm nicht unangenehm, immer wieder gegen die Fensterscheibe gedrückt zu werden, und er wiederholte in Gedanken: And I find it soothing to be so confined. Es herrschte noch Maskenpflicht im Bus, in den Öffis … Seine Maske saß schlecht, wie so oft, und er dachte: Öffis, Öffis. And I find it soothing to be so confined.

Er ging einfach gerne durch die Stadt. Es war ein schöner Maitag, und die Sonne wärmte ihn, sodass er das Gefühl hatte: aufgeladen (100%). Er ging am Fluss entlang und kam in eine Gegend, wo er früher oft gewesen war. An jeder Straßenecke eine Erinnerung. Aber seine Erinnerungen hingen kaum zusammen, waren nur einzelne Bilder: Die Bank aus braunem Holz, auf der man sitzen und den Fuss fließen sehen konnte. Er drehte sich um: Der Spielplatz mit den Kindern und Müttern, ein Land mit eigenen Gesetzen. Auf der anderen Straßenseite das kleine Wirtshaus, unverändert: Hier konnte man Bier trinken. Dann die Berufsschüler, groß und grob waren sie ihm damals erschienen, und heute — — — Naja, sie rauchten immer noch ihre Zigaretten. Der Parkplatz, wo seine Mutter manchmal im Auto auf ihn gewartet hatte. Dahinter irgendein, ja — Copyshop.

Er war nie gerne hier gewesen, und eigentlich war er nie ganz anwesend, nie ganz da gewesen. Nach Schulschluss hatte er sich stets beeilt, den Bus zu erreichen. Jetzt ging er den alten Weg zur Bushaltestelle, der im Sonnenschein sich erstreckte: unscheinbar, unschuldig. Es ist unheimlich, dachte er, wie die Rückkehr an einen Ort alles wieder wachruft, was man empfunden hat — wer man gewesen ist. Er hatte hier nicht viel erlebt, er hatte alles absolviert. Jetzt stand er an der Bushaltestelle. Nichts Schlimmes war geschehen, nur — die Leere halt, ein bisschen Angst. Er hatte alles absolviert. Er stieg in den Bus ein, alles war erträglich gewesen.

Früher war er nie zu Fuß gegangen, hatte immer den Bus genommen, die Öffis … Deshalb hatte sich ihm der Zusammenhang der Stadt kaum erschlossen: Sie war für ihn kein Ganzes gewesen, sondern eher diese Straßenecke plus jener Park plus … Es hatte in allem der lebendige Zusammenhang gefehlt. Öffis, Öffis. Jetzt kam der Bus am Bahnhof an, und er stieg aus. Hier hatte er die Wahl zwischen verschiedenen Supermärkten. Er entschied sich für den, für den er sich immer entschied, und stand — wie immer — leicht überwältigt vor den prall gefüllten Regalen. Lange ging er vor den Spirituosen auf und ab, den Aristokraten der Supermärkte. Er war seit drei Jahren trocken, er empfand kein Verlangen, nur ein sanftes, wehmütiges Achja. Mit einem Ingwer-Shot aus dem Kühlregal ging er zur Selbstbedienungskassa. Just a perfect day.

Ein Rudel Natur

Der Krieg, der anderswo,
ist wie die Kälte draußen:
Nach dem Schlittschuhlaufen
schmeckt die heiße Schoko.

Leben ist: ein Innen,
abgerungen ewig großem Draußen.
Und wir legen neue Schlaufen
über uraltes Beginnen.

Natur ist nur ein anderes Wort
für: alles. Und das ist nichts.
So blubbern Worte des Gedichts,
solange Krieg herrscht — dort.