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Der Bär

Ein warmer Tag im November

Ich stolpere durch das Einkaufszentrum.
Jede Anrede als Kund:in ist eine Mikro-
aggression. Die schulschwänzenden Kinder
kümmert das nicht. Und mich zieht es
hinaus durch die Drehtür, ins Gleißen
der Mittagssonne. Und ich gehe zu Fuß.

Wie verschüttetes Quecksilber liegt der Fluss
da. Fast ohne Bewegung, ewig. Doch
einige Möwen wurden darüber gekleckst,
weiße Farbspritzer. Und unweit des Stegs
ist ein Angler, der einzige Mensch,
damit beschäftigt, sich zu verlieren.

Ich stolpere durch das Einkaufszentrum.
Jede Anrede als Kund:in ist eine Mikro-
aggression. Die schulschwänzenden Kinder,
mich kümmert das nicht. Und mich zieht es
hinaus durch die Drehtür, ins Gleißen
der Mittagssonne. Und ich gehe verloren.

Brot und Kaffee

Friedlich lag der McDonald’s
im Licht der sich hinaufarbeitenden
Sonne, als ich am Terminal
mir die gewünschte Mahlzeit erwischte
und Minuten darauf in Empfang
nahm Brot und Kaffee, mit gemurmeltem
Dank an der Ausgabestelle.

Und weich wie Software war der Morgen,
den ich teilte, zeitungsraschelnd,
mit den Menschen: denen, die hier aßen,
wie auch jenen, über die ich las
in dem Revolverblatt, das seinen Lesern
täglich Menschen, nichts als Menschen,
wie sie nun mal sind, serviert.

Und ich erkannte mich im Spiegel
der Schlagzeilen als wollender Mensch,
als wollender Mann: Brot und Kaffee,
Titten und Arsch. Skeptisch-reaktionäre
Kolumne, das Wetter. Ich war ein Hilfs-
Arbeiter, ich war Elon Musk, ein Junkie.
Mensch! Ich sah im Spiegel einen — — —

Growth Mindset

Alles, was wir erfassen,
ist schön: des Schrecklichen Anfang.
Weshalb wir es hassen
und lieben. Und nie ganz erfassen.

Ein Leben ist Gleiten
und Leiden, zwischen Trauma
und Alltag. Joggen und
Schreiten. Und aus ist der Traum.

Alles, was du kannst,
kann ein anderer besser,
auch leben. Hab keine Angst,
so ist es, das Leben.

[…]

Geh ins Puff, genieße
das Alberne, höchst Awkwarde:
Wer das genießen kann!

Wie das Begehren
die Menschheit shreddert.
Oh, die Liebe!

Wie jeder, jede
„Besseres verdient hätte“
als sich selbst.

Drosophila drowns

Die Übersüße hat sie hergeführt,
jedoch auch Angst, die anklingt
wie die ersten Töne eines Lieds.

Im Sturzflug pflügt sie Raum,
ihr rotes Auge schwillt, sie drängt
wie Melodie ins Zentrum einer Welt.

Hinter ihr ist all das, was sie greifen
und begreifen will, besser als sie sich begreift.
All das, was sie halten, haben will.

Es lockt die Frucht, es drängt die Furcht:
Im Zuckerwasser, mit den Artgenossen,
schwimmt Drosophila, she’s drowning.

Über die Natur

Heute sah ich zum ersten Mal eine Biene.
Sie war klein und präzise,
wie ein Uhrwerk. Und all die Bienen,
die ich gesehen hatte,
bevor ich diese sah, habe ich nicht
wirklich gesehen.

Wirklich? Ja, frag die Menschen,
die ich auch nicht sah.
Die bloß im Weg, wie Möbel, standen:
Diese Möbel aus so hellem Holz,
diese Möbel aus so hellem Schmerz.
(Ein ganzer Scheiß-IKEA-Katalog!)

Manchmal lief ich in ein Möbel.
Einmal schlug ich mir den Kopf
blutrot. Doch meistens wich ich aus.
Schlief auf dem nackten Boden,
wachte auf, vom Schmerz geweckt:
Am Fenster Sonne, Nikotin.

Heute sah ich zum ersten Mal eine Biene.
Ich hab mir das nicht ausgedacht — wozu?
Es ist geschehen — warum? Es ist geschehen.
Vielleicht ist mir selbst heute noch
die Biene nicht real genug. Hab ich zu schnell
geschrieben und zu kurz geschaut?

Sie war klein und präzise, wie ein Uhrwerk.
Und all die Bienen, all die Bienen
bilden einen Schwarm, der ist präzise
wie ein Uhrwerk und so groß, so groß —
wie das größte Problem, das du dir vorstellen
kannst: „Natur“.

Lebenslauf

Die Zeit ist zäher Honig
in der Hitze, bäh. Zerkauter Kaugummi.
„Mir ist so fad“, so fasst
das Kind die Existenz zusammen.

In der Leere wächst die Aggression,
denn „da ist einfach nichts.“
Das Bier fließt in den Körper,
und da ist eine ganze Welt.

Doch diese Welt ist eine Lüge,
und er findet nicht im Rausch,
was Rettung wäre: Arbeit, Liebe.
In ihnen ist die echte Welt.

Er läuft so lange in die falsche Richtung,
bis er nicht mehr laufen kann:
„Da besinnt sich das Kind,
kehret heim geschwind.“

[…]

Hyperreal
ist das Antlitz,
Schmerzkorrelat.

Punkti, Punkti,
Strich —
fertig ist das Mondgesicht.

Wer begreift? Die Enormität
möglichen, wirklichen
Leids.

Open Mind

Es kommt vor: Du sitzt da
und denkst nichts Böses.
Und plötzlich denkst du
ein Böses. Im Sommergarten.

Sind Bienen an den Blumen.
Invadiert ein Grauen jäh
Bewusstsein. Es stand offen.

[…]

Die Gedanken sind eine Meute Hunde,
die ziehen an der Leine.
Ein Strauß Blumen in dem Moment,
in dem der Griff sich löst.
Ein Gas, das den Raum, der da ist,
gleichmäßig füllt.