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Der Bär

Still, Leben!

Wir haben viel erlebt, u. a.
Uns selbst (Warum?).
In mittelmäßigem Herbstlicht
Liegen die prallen Früchte,
In all ihren Herz- und Hautfarben,
Auf glänzenden Präsentiertellern
Vor unsren Augen,
Vor unsren Händen.
Und wir befürchten ihr Platzen
Und sehnen es herbei.

Dass Scheitern der menschliche Normalzustand sei,
Hat die Mutter ihrem Kindlein nicht gesagt.
(Warum auch?)
Im Licht eines Herbstes,
In dessen Ecken und Enden
Verwaschene Astern
Und alte Sprichwörter
Wie kleine, braune Nüsse
Ein Auslangen finden,
Begafft die Menge ihrer Hände Arbeit Früchte.

Betatscht ein alter Mann noch einmal
Apfelpo und Birnenbrüste
In einem Separee. Verläuft sich
Wohl ein Kind, so klein und dumm,
Im menschlichen Getümmel.
Und die karottigen und Kürbisfarben
Schmecken uns wie alte Fragen,
Die bekanntlich ohne Antwort sind.
(Warum? Wie geht’s? Wie steht’s?)
Überwunden ist der Hoffnung Grün.

Augustnacht

Am Himmel sind die Sterne schön.
Und es gibt Höhen
über allen Höhn.
In uns sind Worte, die wir nicht verstehen.
Was immer aufsteigt,
muss auch niedergehen.

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[…]

Du nuschelst, damit sanfter
von innen Sprache rührt
vielleicht am Fleisch der Wangen. Büschel
Wahrheit blühen. Und deine
Zunge wendet sich zurück
über sich selbst. Wie gelbe Sonnen-
Blumen, die zwar ewig sterben,
aber niemals münden
in den Tod. Die Worte
werden leerer, je mehr sie suchen
alles auszudrücken. Und doch
bleibt der eignen Rede langer, träger Fluss dem Redner
eine Art von süßem Kuss.

Take Me Somewhere Nice

Doch wohin tragen wir
den Gedankenmüll all der Jahre?
In ein Notizbuch ein?
Oder weiter vor uns her?

Ich weiß nicht.
Du weißt nicht.
„Maybe some of us will never be alright. And maybe that’s alright,“
steht unter einem YouTube-Video.

Er weiß nicht.
Sie weiß nicht.
Der Hund beißt nicht.
Memento mori.

[…]

In allen Dingen schläft ein Lied, in allen Menschen
Wahnsinn. O Nacht —
ruhige uns! Rüge
und ruhige uns.

Eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Twitterns

I feel nothing more than existence.
Von mir aus könnte Peter Handke
auch den Holocaust leugnen.
Meine Augen sind trocken wie Blutorangen.
Sex, Gewalt und Transzendenz,
es gibt sie noch, die guten Dinge.
Sprache kommt und geht. Sagt man noch:
wegcocken? Oder: Kalamitäten?
Nicht nur der sprachgeladenste Dichter
meint: Das ganze Unglück der Menschen
rührt daher, dass sie Sibel Schick
auf Twitter folgen. Ihr Untermenschen,
ihr roten Horden, ihr Speakerinnen.

[…]

Du kannst nichts überspringen,
am wenigsten dich selbst, musst gehen,
gehen, gehen im Stadtsystem,
wie alle. Zwei Schritte vor,
ein Schritt zurück. Ein weises Wort,
ein dummer Spruch. Ein kleines
Glück, ein großes Nichts.

Du kannst nichts überspringen,
musst die alten Wege gehen,
die alle Menschen gehen: ein Leben leben,
sterben einen Tod. Und hoffen […]

Zu viel, zugleich zu wenig Welt

O Tinder!
Über kalte Steine
verfließt die Nutz-, die Fruchtlosigkeit
unser.

O Stille letzte Milf!
Auf nichts
verweisen die Fahnen
der Säufer im Chor.

O — — —
Wir wollen nur uns selbst.
Wir kriegen
nur uns selbst.

Winter

Keine Musik, die zu groß,
wickelt dich in den Winter, doch
gehen, gehen im Stadtsystem
kannst du, wie alle. Und
kommt eine Nacht, kommen
alle, finster und Zimt.
Denn alles ist eine Musik,
ein Geschenkpapier um die Dinge, von hier
bis zum letzten Wimmern.