Daß da nichts anderes war – als die Tatsache, daß nichts geschah, nichts als die kurze Begegnung, und daß wir einander alles gesagt haben; der Wechsel der endlosen Kürze zum kurzen Endlosen; daß nichts stattfand als das Vorübergehen, diese falsche Ganze, zerstört vom Wissen, daß es nichts ist – und eben dies beschwört jeder, wenn er dem anderen begegnet: Du erinnerst dich? An den Regen, den Senf, an ihr Kleid an jenem Tag; und jeder lächelt. Und dieses Nichts vermissen wir. Es gibt nichts, was wir nicht vermissen.
(aus: Michel Deguy, An das nicht Endende, A ce qui n’en finit pas: thrène, übersetzt von Leopold Federmair)
Daß da nichts anderes war – und nichts anderes ist, und nichts anderes jemals sein wird, als das, was eben ist, also das, was in der Aufzählung von Sinneseindrücken (der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag …) sich erschöpft – dieser ontologische Skandal, der darin besteht, dass es in unserem Leben (und in der Welt, im Sein …) immer (schon …) einen Mangel an Leben (einen Mangel an Welt, an Sein …) gibt, dieser ontologische Skandal findet in der Lyrik – und nicht nur in jener von Michel Deguy – gewissermaßen zu sich selbst. Denn in der Lyrik – oder sagen wir: in einer Lyrik, und zwar in einer solchen, die mit einem gewissen radikalen Ernst sich den Dingen stellt, mit einem gewissen radikalen Ernst in die Dinge sich hineinwirft –, in einer solchen, oder sagen wir: in dieser Lyrik, wird der ontologischen Skandal nicht bloß – wie in der Ontologie – besprochen, sondern hier, in der Sprache, im Sprechen des Gedichts, ereignet sich dieser ontologische Skandal. Jedes Mal, wenn wir lesen, aufs Neue.
Der Text, den ich Deguys Totenklage auf seine verstorbene Frau mit dem Titel An das nicht Endende entnommen habe, spürt der Liebe und dem Spiel, dem subtilen Wechselverhältnis von Anwesenheit und Abwesenheit in der Liebe nach. Das Spannungsverhältnis, in dem der Text sich bewegt und das man als ein Dreieck sich vorstellen könnte, besteht aus dem Begriff des Seins und dessen Gegenteil, dem Begriff des Nichts, einerseits, sowie konkreten – erinnerten – Sinneseindrücken (der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag …) andererseits. Der allgemeinste aller Begriffe, derjenige des Seins, und sein Gegenteil, das Nichts, sind grundlegend für jede Ontologie; ein philosophisches System (wie z.B dasjenige Hegels) kann charakerisiert werden als der Versuch, den Begriff des Seins mithilfe von anderen Begriffen mit dem Begriff des Nichts so zu vermitteln, dass dadurch eine stabile Ordnung des Seins begründet werden kann. Der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag – das sind keine Begriffe, das sind flüchtige (empirische …) Eindrücke (auf die wir uns mithilfe der Ausdrücke „Regen“, „Senf“ etc. beziehen …); in der Philosophie spielen sie kaum eine oder gar keine Rolle.
Zugleich jedoch sind der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag auch das, was mich (aber ich – ich als ein Einzelner, als Individuum, ich komme ja im philosophischen System auch nur als Randnotiz vor …), was mich also beim Lesen des Gedichts am stärksten berührt (so wie eine Hand berührt …). Und dieses Nichts vermissen wir – so heißt es in Deguys Prosagedicht, oder sagen wir besser und einfacher: in diesem Text. Was wir vermissen (der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag …), weil wir dafür und dadurch gelebt haben, das ist ein Nichts für die (systematische …) Ontologie. So wie wir auch nichts sind für das philosophische System, sofern dieses das Allgemein-Begriffliche gegenüber dem Individuell-Konkreten – auf grausame Weise? – privilegiert.
In der Lyrik gibt es keinen Primat des Allgemeinen; in der Lyrik herrscht gleichsam Chaos, ein Wirrwarr der Geltungsansprüche. In der Lyrik wird der Kampf zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen ausgetragen, die Lyrik ist daher in einem gewissen Sinne umfassender als die (systematische …) Ontologie, und man könnte sagen, die poetische Sprache sei die Metasprache der philosophischen oder überhaupt die letztgültige Metasprache. Denn in der Lyrik ist in einem gewissen Sinne alles, was nur möglich ist, möglich: die Begriffe kommen zu ihrem Recht – und der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag auch. Daraus resultiert freilich keine Harmonie – aber vielleicht sind wir aus diesen Gründen in der Lyrik dem Absoluten (was ist das?) näher als in der Philosophie …
Es gibt nichts, was wir nicht vermissen – das drückt unsere Sehnsucht nach der sich entziehenden Präsenz aus: Wir vermissen jede Stunde mit der Geliebten, den Geruch ihrer Haare, die Art, wie sie redet, ihr Lächeln … Jeden Sinneseindruck, jeden Moment – alles. Und weil es das Nichts (substantiviert …) gibt, weil es Mangel, Abwesenheit gibt, kann das Sein uns nie ganz präsent sein, bleiben Spuren von Anwesenheit lediglich in der Erinnerung. Der ontologische Skandal, den das philosophische System zu bändigen sucht, er wird von der Lyrik aufgedeckt – er ereignet sich in einem Gedicht, wie in einem Leben, und wir haben gelesen, wir haben das Gedicht gelesen – und was bleibt? Wieder nur – günstigstenfalls – ein paar Erinnerungen an (sprachlich vermittelte …) Präsenz: der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag.