Latest Publications

dans mon grand cahier (für j.)

die ohne ende leeren tage
und die frage “vous sentez quoi? une plénitude?”
ost in den laternen
“je ne sens rien”

literatursin[n]

Ab März 2010 werde ich als Chefredakteur für literatursin[n] – onlinemagazin für kultur tätig sein. Gemeinsam mit Julia Kriechbaum, der Gründerin von literatursin[n], will ich versuchen, das Magazin zu einem gleichermaßen relevanten wie populären Forum für zeitgenössische Kunst und Kultur zu entwickeln.

literatursin[n] besteht aus einem Blog und dem Magazin im pdf-Format und ist zu finden unter www.literatursinn.at. Die nächste Ausgabe erscheint am 24. März, und wir würden uns sehr freuen, künftig auch Sie/Dich zu unseren Lesern zählen zu dürfen!

aus meinem brevier

vöslauer ist das wasser zum reinbeißen
gott
reinigt deine seele fanta wird dir eiskalt
am besten schmecken

das schlitzauge bringt sushi
aber
vergisst mein kombucha
für 2.60

es ist alles so gut
so
menschlich eingerichtet im
turbokapitalismus

und ich
geb
es ja zu ich hab
um haider getrauert

natürlich
mit
ironie wie zahnseide zwischen
den zähnen

aber wir haben die talkshow
erfunden
und den cheeseburger und das sterben an
aids

horodok

schwester
trug
die stolze kerze zum
altar

und ich hätte mich so gerne an den sturm verkauft
an
jenen kalten pfingst-
tagen

wir lauschten der
musik
im mirabell mit fallobst-
augen

schwester
blutet
denn ich schlug sie immer wieder nur zum
spaß

meta bitch

ich diskutierte über
stil
in wirren träumen mit einem dichter meiner
wahl

die bezugspunkte für seinen selbstmord
legt
jeder selbst fest das ist die schönheit der
welt

mein stil ist ein brechreiz-
mittel
und meine zukunft embedded in die allgemeinheit der
vernunft

Ein Argument für den Kapitalismus

“Er stellte sich die Welt der Sprache (die Logosphäre) als einen riesigen, permanenten Konflikt von Paranoias vor. Nur diejenigen Systeme (die Fiktionen, die Redeweisen) überleben, die erfinderisch genug sind, eine letzte Figur hervorzubringen, eine Figur, die den Gegner mit einer halb-wissenschaftlichen, halb-ethischen Vokabel kennzeichnet, eine Art Drehscheibe, die es gleichzeitig ermöglicht, den Feind festzustellen, zu erklären, zu verurteilen, zu bespucken, zu vereinnahmen, mit einem Wort: ihn zahlen zu lassen. Das gilt unter anderem für einige Vulgatae: für das marxistische Reden, bei dem jeder Einwand ein Klasseneinwand ist; für das psychoanalytische Reden, bei dem jede Verleugnung ein Geständnis ist; für das christliche Reden, bei dem jede Ablehnung eine Suche ist, usw. Er wunderte sich, daß die Sprache der kapitalistischen Macht auf den ersten Blick nicht eine solche Systemfigur enthält (außer in der allervulgärsten Weise, wenn die Gegner niemals etwas anderes als >Aufgehetzte<, >Ferngesteuerte< usw. sind); da begriff er, daß der Druck der kapitalistischen Sprache (um so stärker) nicht paranoischer, systematischer, argumentativer, strukturierter Art ist: es ist eine unaufhaltsame Vergiftung, eine doxa, eine Art Unbewußtes: kurz die Ideologie schlechthin.”

(Roland Barthes: Die Lust am Text, S. 45)

what would jesus do?

er
würde
einmal verlassen in dieser welt
mit
beiden augen
sich
stürzen
in
die offene metapher

Bachelorarbeiten

Meine beiden, trotz all ihrer Unzulänglichkeiten jeweils mit “Sehr Gut” benoteten, Bachelorarbeiten in Philosophie:

Bachelorarbeit über Laclaus Diskurstheorie des Politischen
Bachelorarbeit über den Begriff des Erhabenen

Ich würde heute einiges anders formulieren oder überhaupt (teilweise) andere Arbeiten schreiben, aber ganz uninteressant sind die beiden Texte vielleicht doch nicht.

Der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag … Lyrik und Ontologie bei Michel Deguy

Daß da nichts anderes war – als die Tatsache, daß nichts geschah, nichts als die kurze Begegnung, und daß wir einander alles gesagt haben; der Wechsel der endlosen Kürze zum kurzen Endlosen; daß nichts stattfand als das Vorübergehen, diese falsche Ganze, zerstört vom Wissen, daß es nichts ist – und eben dies beschwört jeder, wenn er dem anderen begegnet: Du erinnerst dich? An den Regen, den Senf, an ihr Kleid an jenem Tag; und jeder lächelt. Und dieses Nichts vermissen wir. Es gibt nichts, was wir nicht vermissen.

(aus: Michel Deguy, An das nicht Endende, A ce qui n’en finit pas: thrène, übersetzt von Leopold Federmair)

Daß da nichts anderes war – und nichts anderes ist, und nichts anderes jemals sein wird, als das, was eben ist, also das, was in der Aufzählung von Sinneseindrücken (der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag …) sich erschöpft – dieser ontologische Skandal, der darin besteht, dass es in unserem Leben (und in der Welt, im Sein …) immer (schon …) einen Mangel an Leben (einen Mangel an Welt, an Sein …) gibt, dieser ontologische Skandal findet in der Lyrik – und nicht nur in jener von Michel Deguy – gewissermaßen zu sich selbst. Denn in der Lyrik – oder sagen wir: in einer Lyrik, und zwar in einer solchen, die mit einem gewissen radikalen Ernst sich den Dingen stellt, mit einem gewissen radikalen Ernst in die Dinge sich hineinwirft –, in einer solchen, oder sagen wir: in dieser Lyrik, wird der ontologischen Skandal nicht bloß – wie in der Ontologie – besprochen, sondern hier, in der Sprache, im Sprechen des Gedichts, ereignet sich dieser ontologische Skandal. Jedes Mal, wenn wir lesen, aufs Neue.

Der Text, den ich Deguys Totenklage auf seine verstorbene Frau mit dem Titel An das nicht Endende entnommen habe, spürt der Liebe und dem Spiel, dem subtilen Wechselverhältnis von Anwesenheit und Abwesenheit in der Liebe nach. Das Spannungsverhältnis, in dem der Text sich bewegt und das man als ein Dreieck sich vorstellen könnte, besteht aus dem Begriff des Seins und dessen Gegenteil, dem Begriff des Nichts, einerseits, sowie konkreten – erinnerten – Sinneseindrücken (der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag …) andererseits. Der allgemeinste aller Begriffe, derjenige des Seins, und sein Gegenteil, das Nichts, sind grundlegend für jede Ontologie; ein philosophisches System (wie z.B dasjenige Hegels) kann charakerisiert werden als der Versuch, den Begriff des Seins mithilfe von anderen Begriffen mit dem Begriff des Nichts so zu vermitteln, dass dadurch eine stabile Ordnung des Seins begründet werden kann. Der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag – das sind keine Begriffe, das sind flüchtige (empirische …) Eindrücke (auf die wir uns mithilfe der Ausdrücke „Regen“, „Senf“ etc. beziehen …); in der Philosophie spielen sie kaum eine oder gar keine Rolle.

Zugleich jedoch sind der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag auch das, was mich (aber ich – ich als ein Einzelner, als Individuum, ich komme ja im philosophischen System auch nur als Randnotiz vor …), was mich also beim Lesen des Gedichts am stärksten berührt (so wie eine Hand berührt …). Und dieses Nichts vermissen wir – so heißt es in Deguys Prosagedicht, oder sagen wir besser und einfacher: in diesem Text. Was wir vermissen (der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag …), weil wir dafür und dadurch gelebt haben, das ist ein Nichts für die (systematische …) Ontologie. So wie wir auch nichts sind für das philosophische System, sofern dieses das Allgemein-Begriffliche gegenüber dem Individuell-Konkreten – auf grausame Weise? – privilegiert.

In der Lyrik gibt es keinen Primat des Allgemeinen; in der Lyrik herrscht gleichsam Chaos, ein Wirrwarr der Geltungsansprüche. In der Lyrik wird der Kampf zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen ausgetragen, die Lyrik ist daher in einem gewissen Sinne umfassender als die (systematische …) Ontologie, und man könnte sagen, die poetische Sprache sei die Metasprache der philosophischen oder überhaupt die letztgültige Metasprache. Denn in der Lyrik ist in einem gewissen Sinne alles, was nur möglich ist, möglich: die Begriffe kommen zu ihrem Recht – und der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag auch. Daraus resultiert freilich keine Harmonie – aber vielleicht sind wir aus diesen Gründen in der Lyrik dem Absoluten (was ist das?) näher als in der Philosophie …

Es gibt nichts, was wir nicht vermissen – das drückt unsere Sehnsucht nach der sich entziehenden Präsenz aus: Wir vermissen jede Stunde mit der Geliebten, den Geruch ihrer Haare, die Art, wie sie redet, ihr Lächeln … Jeden Sinneseindruck, jeden Moment – alles. Und weil es das Nichts (substantiviert …) gibt, weil es Mangel, Abwesenheit gibt, kann das Sein uns nie ganz präsent sein, bleiben Spuren von Anwesenheit lediglich in der Erinnerung. Der ontologische Skandal, den das philosophische System zu bändigen sucht, er wird von der Lyrik aufgedeckt – er ereignet sich in einem Gedicht, wie in einem Leben, und wir haben gelesen, wir haben das Gedicht gelesen – und was bleibt? Wieder nur – günstigstenfalls – ein paar Erinnerungen an (sprachlich vermittelte …) Präsenz: der Regen, der Senf, ihr Kleid an jenem Tag.

don’t talk politics?

Den folgenden Gedichten verdanke ich meinen Status als “weiterer in Frage gekommener Autor” beim Preis für politische Lyrik von http://www.lauter-niemand.de/.

SUMMER OF LOVE

paul defiliert
vor
dem erschießungs-
kommando

ich liebe die bullen
stammelt
paul errötend
diese schweine

und oh die
unschuldige
polnische ebene
soff millionen liter blut

die weiße
kreide
unserer hände
im roten licht der endlich oh endlich sterbenden sonne

eigentlich so paul
sei deutschland
ja tot
und trotzdem könnten wir nicht leben

BÜRGERBLOCK

wohlgeformte schreie der hochfinanz
genuss
der herzmuskelgrammatik
genug

mein ausgespucktes herz
muss
reisen um die ganze ganze
welt

es hat sich ausgesprochen
welt-
bank in den gestürzten räumen
rausch

SCHLAGT DIE GERMANISTIK TOT

ok es ist
zeit
für programmatik politik
und so
und
nur
weil ich die
welt
nur
als ästhetisches
phänomen bla bla heißt das noch lange
nicht
dass ich
nicht
doch
auch
politik machen große politik machen
könnte was
ich hiermit
ja bereits getan
habe

ok?

hier noch eine
zweite
strophe
für die fans
mit inhalt mit forderungen politik
ich
will die transnationalen konzerne
liebhaben
dürfen
und mich nicht um arme menschen
kümmern müssen
ich
will nur dieses isolierte individuum
durch die welt
pushen
bis es tot umfällt
und nicht mehr weinen
muss

REQUIEM FÜR DEN KOLLATERALSCHADEN

enteigne mich
sagte paul
als er auf dem flatscreen den krieg
sah

wir tranken likör in der schwere
der nacht
und unterhielten uns
nicht

die nachrichten wurden gesprochen
wie
gebete für tote fast ein bisschen
zu feierlich